Buchrezension: Jochen Buchsteiner, Die Flucht der Briten

 

Vorgetragen März 2019. Miltenberg Politische Literatur Stunde.

Charles De Gaulle, 1963

Pressekonferenz zum Thema UK Beitritt der EEG

England, nach de Gaulle, sei insular, maritim, durch seinen Handel und seine Märkte mit den verschiedenartigsten und häufig weit auseinanderliegenden Ländern verbunden.

         Auch habe das Land in all seinem Tun sehr eigenwillige Gewohnheiten und Traditionen.

Ein Beitritt der Briten würde die Gemeinschaft daher unwiderruflich verändern. Es entstünde eine riesige atlantische Gemeinschaft, die von den USA abhängig wäre.

Die USA würde die europäische Gemeinschaft schnell aufsaugen.

Winston Churchill 1930:

Wir stehen zu Europa, gehören aber nicht dazu … Wir gehören zu keinem einzelnen Kontinent, sondern zu allen.

 

Jochen Buchsteiner, geb. 1965, studierte Politikwissenschaftler, war Parlamentskorrespondent der ZEIT in Bonn u. Berlin, und berichtet seit sechs Jahren als politischer Korrespondent der FAZ aus London. Er übernimmt, im Buch, die Rolle des Britannienverstehers.

Er nimmt den Brexit unter die Lupe und kommt zu dem Ergebnis, dass er gar nicht so irrational ist. Auch wenn er die Geschäfte auf beiden Seiten des Kanals erschwert – er fußt auf nachvollziehbaren Motiven, die in der Nationalgeschichte und in der Geographie des Königreichs wurzeln.

Viele von seine Erkenntnissen mögen hier, in Deutschland, kontrovers klingen. Zum Beispiel:

Die Briten, heißt es auf dem Kontinent, befinden sich auf einem Irrweg. Mit dem Abschied von der EU hätten sie ihren Ruf als vernünftige, pragmatische Nation verspielt. Stimmt das? Oder erleben wir gerade das Gegenteil: dass unsere Nachbarn ihren sprichwörtlichen «Common Sense» nur neu und kühn vermessen?

Buchsteiner analysiert dieses «Anderssein», das die Briten leidenschaftlicher auf die Freiheit des Angloamerikanischen Raums und kühler auf Europa blicken lässt. Der Brexit, so eine These des Essays, ist nicht das Resultat einer «populistischen Verführung», sondern folgt berechtigter Kritik am Zustand der EU. Indem die Briten ihre Souveränität und Identität über den Wohlstand stellen (nicht zum ersten Mal im letzten Jahrhundert!), kehren sie die Prioritäten einer europäischen Einigungslogik um, die in der Krise steckt.

Buchsteiner blickt zurück in die Geschichte, und die bewährte Tradition britischen „Eigensinns“, die den Brexit weniger als Betriebsunfall, als vielmehr als Glied in einer langen Kette erscheinen lassen:

 

  • Magna Karta: von 1215 als frühe Wegmarke auf dem Weg zum Parlamentarismus;
  • der Bruch mit dem Papsttum unter Heinrich VIII. im Jahre 1534, nicht umsonst „erster Brexit“ genannt;
  • die Isolation zum Ende des 19. Jahrhunderts, als Großbritannien das weltgrößte Kolonialreich war und keinerlei feste Bündnisse mit anderen eingehen musste;
  • die heldenhafte, (doch nach Lage der Dinge mehr als gewagte) Entscheidung Winston Churchills, Nazi-Deutschland den Kampf anzusagen;
  • selbst noch die frühe Umsetzung der neoliberalen Agenda unter Thatcher, während andernorts noch der Nachkriegskonsens vorherrschte

immer wieder zeigten sich die Briten in ihrer Insellage als willens und fähig, aus dem kontinentalen Mainstream auszuscheren, um ihr Glück im Neuen, Unbekannten, Risikohaften zu suchen.

“Einordnung, gar Unterordnung gehört nicht zur Britischen DNA“, schreibt Buchsteiner über das Mutterland.

 

Zur Mentalität und Medien den Briten

Buchsteiner beschreibt eine wichtige Szene schon am Anfang des Buches

EU Delegationschef Michel Barnier (mit einem Papierstapel) sitzt gegenüber einem grinsendrn David Davis. Der Tisch von David ist leer außer einem geschlossenen Ipad. In Brüssel und anderen Europäischen Hauptstädten wurde das Foto rasch gedeutet: Die Briten gehen die Sache unvorbereitet und unernst an. In London dagegen werden die Dokumente von Herr Barnier mit schelmischem Witz interpretiert. Zeige es nicht wie bürokratisch und „old school“ die Europäer verhandeln, und wie modern und aufgeräumt die Briten? Illustriere das Foto nicht geradezu einen der Gründe warum man den Club verlassen muss?

Hier wird auch berichtet über die Britische Medien Haltung. Man könnte in Deutschland meinen, dass nur die Leser von The Sun oder Daily Mail Euroskeptiker sind. Falsch..

EU to scrap British exams – Daily Telegraph – EU will Britischen Schulabschluss abschaffen.

Children to be banned from blowing up balloons, under EU safety rules – Daily Telegraph – Verbot zum Aufblasen von Luftballons.

Church bells silenced by fear of EU law – Daily Telegraph – Kirchenglocken werden durch EU Gesetzgebung schweigen

EU seeks to outlaw 60 dog breeds – The Times – Verbot von 60 Hunderassen durch die EU

Double-decker buses to be banned – Daily Telegraph – Verbot von Doppeldeckerbussen

Zusammengefasst: Die Leser Britischer Zeitungen mussten über Jahrzehnte den Eindruck gewinnen, dass in der Behörde nur träge und überbezahlte Bürokraten sitzen, die sich den Kopf darüber zerbrechen, welche Glühbirnen eingeschraubt und welche Staubsauger verkauft werde.

Geographische Motive: Mit wem fühlt sich der UK verbunden?

Das Königreich steht zwischen den USA, seinem sprachlich und kulturellen Seelenverwandten, und seinen direkten, anderssprachigen, Nachbarn.

In London registriert man, weit über den Kreis den Brexiteers hinaus, dass sich die EU zunehmend als Gegner großer Amerikanischer (z.B Internet) Konzerne insziniert. Deren Dominanz, Steuerverhalten und Mangel an Regulierung wird ja auch in UK beklagt, allerdings die Abwehrpolitik der EU, der kulturkämpferische Züge unterstellt werden, gilt vielen als explizit amerikafeindlich.

Ähnliches gilt für die ethischen Vorbehalte, die die EU der Gentechnologie oder Künstlicher Intelligenz entgegenbringt.

Trump ist nur eine vorübergehende Phase. Das Königreich weiß ganz genau, dass es wieder „besondere“ Beziehungen mit den USA geben wird.

Mit wem fühlt sich der UK nicht verbunden?

Der Brite, mit seinem schwarzen herabwürdigenden Humor, mag über sich selber spotten, aber das darf niemand anders!

Seit dem Referendum nutzen sowohl Donald Tusk als auch Emanuel Macron vermehrt Social Media um gefühlt über die Briten zu spotten.

Deutsche Politiker, die in den Monaten nach den Referendum London besucht haben, brachten es teilweise nicht fertig ihren Kollegen die Hand zu schütteln.

Unentschiedene Wähler beobachten das ganz genau. Eine empfundene Arroganz treibt die Zaunhocker eher auf die Seite der Brexiteers.

Europa: als träger Turm vom Babel empfunden. Juncker: alkoholischer Bürokrat. Donald Tusk: Stur, herablassend.

Buchsteiner analysiert das „nicht gehen lassen wollen“ Verhalten

Kühl bezeichnet die EU das Post Brexit Britannien als „third country“- denselben Status wie Algerien oder Marocco.

Briten wurde gedroht, aus dem Sicherheitsbereich des europäischen Galileosystems geworfen zu werden- ein Satelliten Projekt, das die Briten maßgeblich mitfinanziert haben. Bitterkeit und Kleinmut statt souverän zu reagieren.

Man muss sich fragen: wer an sich selbst glaubt und an die EU, macht doch den anderen den Abschied nicht so schwer.

Buchsteiner formuliert es letztendlich so:

Die Europäer sollten mit Neugier und Demut reagieren, nicht mit Spott und Strafe. Großbritannien den Abschied so schmerzhaft wie möglich zu machen, ist unsouverän und kurzsichtig.

Die Skepsis am Status quo, die dem Brexit zugrunde liegt, wächst auch in den Reihen der verbleibenden Mitgliedstaaten. Wenn der Britische Abschied nicht das Ende der EU einleiten soll, muss sie dringend Lehren aus ihm ziehen und umsteuern.

Was denken viele Briten über der Argument „Friedensprojekt“

Viele Briten vertreten die Meinung von George Soros, ungarischer Philanthropist, Investor und Banker:

Blödsinn, die EU ist in allererster Linie ein Freihandelsprojekt, das internationalen Konzernen dient. Dass es in Europa Frieden (und Reisefreiheit) gibt, ist nur ein netter Nebeneffekt, den man dem Volk immer als glorreiche Errungenschaft der EU verkaufen will, damit auch ja niemand ins Zweifeln gerät.

Die EU ist eher vergleichbar mit einer Vernunftehe aus wirtschaftlichen Gründen. Aber genauso, wie man auch unverheiratet zusammenleben und sich lieben kann, kann es auch Frieden ohne EU und mit streng kontrollierten Ländergrenzen geben.

Der Hauptinhalt von der damaligen „Remain“ Kampagne ging nicht um die friedenstiftende Kraft der EU; aus guten Grund: das wäre auf keinen fruchtbaren Boden gefallen. Die sogar feurigsten Remain Befürworter begannen ihre Plädoyers mit dem Bekenntnis, dass die EU natürlich unmöglich bleiben könne, wie sie ist.

 Buchsteiner argumentiert:

Mann könnte auch behaupten das die EU seit ihrer Gründung in einer Dauerkrise ist. Da man von Anfang an die Konvergenzkriterien von Mitgliedsländern nicht beachtet hat. Sowohl Griechenland, Italien und Belgien haben damals bereits die Konvergenzgrenze des Maastrichtsvertrages um 50% überschritten. Später wurden Verträge nach einer gewissen Zeit immer wieder verändert. Nach dem Maastrichvertrag folgte der Lissaboner Vertrag mit dem Rettungsschirm für alle EU-Länder. Nach Lust und Laune wird die Verschuldungsobergrenze bei einigen Ländern entweder gesenkt oder erhöht. Ist dies nicht eine chaotische Handhabung?

Seit dem Referendum

Nach dem Referendum blieb die Mehrheit für den Ausstieg aus der EU in den Umfragen verblüffend konstant.

Als Teresa May wieder eine Wahl ausgerufen hatte in 2018, erzielte die einzige große Partei, die klar gegen den Brexit Stellung bezog ein miserables Resultat. Nicht einmal acht Prozent der Wähler stimmten für die Liberaldemokraten.

Noch im Frühjahr 2018, mehr als zwanzig Monate nach dem Referendum, sprachen sich 60 Prozent der Briten dafür aus „to just get on with Brexit“. (also mit dem Ausstieg endlich voranzukommen“).

Sogar 48% der damaliger „Remainer“ wollen, dass es vorbei ist, geregelt oder ungeregelt. Die Bevölkerung (Sowohl Remainer als auch Brexiteers) fühlt sich von Teresa May und Ihrer Partei verraten. Das Britische Volk ist müde und will jetzt an andere Themen denken.

Zusammenfassung in drei Zitaten:

  • Das erste in Bezug auf den Britischen Eigensinn und Angstlosigkeit gegen einen „Untergang“ im Bezug auf Europa.

In den berühmten Worten von Admiral Nelson vor der Schlacht von Trafalgar:

 „something must be left to chance

  • Das zweite, ein Zitat von Buchsteiner selbst:

Die Deutschen, die ja viel Verständnis für Russland aufbringen, sollten um jener Idee willen mit den Briten nicht schmollen. Wenn erst Salvini und Putin die Macht in Brüssel übernommen haben, können wir froh sein, wenn London wieder das wird, was es im 19. Jahrhundert für Karl Marx, Alexander Herzen und Giuseppe Mazzini war: ein Freihafen für Europäer. 

  • Das dritte: der Epilog zum Buch, geschrieben von dem Amerikanischen Dichter Robert Frost

„Good fences make good neighbours“

Gute Zäune machen gute Nachbarn

 

Meine Meinung zum Buch

Als EU Bürgerin, mit Irischer und Britischer Staatsbürgerschaft, hat mich dieses Buch von Anfang bis Ende gefesselt. Trotz meine Überzeugung an der EU und meine Haltung als Brexit-gegnerin. 

Dieses Buch hat mich erinnert, auf nuancierte Weise statt Social Media Echokammern und negativen, Agenda-befüllten, polarisierenden Schlagzeilen, was es heißt Britin zu sein. Ich habe meine Landsleute hierin gefunden und erkannt. Ein Großes Lob an Herr Buchsteiner, der, als Deutscher, die Britische Haltung zur EU besser beschrieben hat als manch ein Britischer Politiker.

Ich kann Jochen Buchsteiner’s Buch nur empfehlen: auch wenn es für den ein oder anderen Leser nur dazu dient, Verständnis für die Themen eines seiner „noch Mitgliedsstaaten“ zu haben. Dann nämlich, nur so hat der EU zukünftig eine Chance, auch mit anderen „wackeligen“ Mitgliedsstaaten. Mit oder ohne dem Vereinigten Königreich.

 

Quellenangabe: Rowohlt, Deutschlandfunk, Die Zeit, Perlentaucher.

 

 

 

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